JOCHEN STÜCKE

Text zur Ausstellung im Oktober 2013:

Vor gut zwei Jahren, im September 2011, präsentierten wir erstmals eine Ausstellung von Kunststudierenden – die Klasse Jochen Stücke der Hochschule Niederrhein Krefeld, und stellten Ihnen en passant den Künstler Jochen Stücke als Lehrenden, als Anreger, als Initiator vor:

„Als Stücke 2002 an die Hochschule in Krefeld kam, fand er in einer Abstellkammer eine völlig verrostete Radierpresse vor. Als er diese mit ein paar Studenten wieder flott machte und unter total improvisierten Umständen zu drucken begann, wurde er noch belächelt. Er hat sich unbeirrt einen Raum erkämpft und seine Lehrgebietsbeschreibung um die "Künstlerische Druckgrafik" erweitern lassen, um das Ganze zu institutionalisieren. Heute hat er einen Werkstattleiter und es gibt eine eigene Grafikedition an der Hochschule …“ Und es sind eben nicht irgendwelche studentischen Arbeiten, die Qualität der Grafiken der Studierenden ist in dieser Breite inhaltlich und formal derzeit hochschuleinmalig (naja, Leipzig kann vielleicht mit...).

Die meisten Teilnehmer/innen der Ausstellung bewegen sich nun in der Wildbahn freiberuflicher Existenz, Jana Davids und Judith Cleve z.B. haben inzwischen selbst ein „Handbuch für Linolschnitt für Kinder“ herausgegeben, sie und mehrere andere haben Grafikeditionen im Büchergilde artclub vorgelegt. Wir werden aus diesem Anfang ein Projekt machen und den Weg dieser Künstler/ innen langfristig verfolgen – 2014 zeigen wir, wie es mit den jungen Krefelder Künstlern unserer 2011er-Ausstellung weiter gegangen ist und was sich an der Hochschule Neues entwickelt.

Jochen Stücke ist aber unabhängig von seiner herausragenden Lehrtätigkeit vor allem durch ein seit nunmehr 10 Jahren „schwelendes“ Kunstprojekt bekannt und museal geworden: Das Paris-Album.

‚Mythos Paris’, das geht leicht von der Zunge und ist doch nur abgedroschen. Wohl jede/r von uns hat ein eigenes Paris-Bild, meines z.B. geprägt durch das jugendliche Verschlingen der Bücher von Balzac, Zola, Eugen Sue, Flaubert, Dumas und und und, große sinnliche Abenteuer, dem Schwärmen für die Französische Revolution als Wiege des Menschenrechtgedankens, für die Pariser Commune, für die Pariser Kunstavantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (dann vom Kriegssieger Amerika zu Unrecht entmachtet). Später prägten die Schwarzweiß-Fotografien aus dem Nachkriegs-Paris der 50er Jahre das Bild.
Für Jochen Stücke ist Paris so etwas wie ein lebensentscheidendes Schlüsselerlebnis geworden: „Paris war für mich – im Guten – ein Kulturschock“. Als 16-Jähriger ist er erstmals im Rahmen einer Jugendreise durch Frankreich in der Stadt gewesen. Seitdem liebt er sie – und diese Liebe drückt sich auch in jahrzehntelanger künstlerischer Auseinandersetzung mit der Stadt aus: „Ich war völlig überrascht von dieser Stadt und ihrer Kultur; das hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.“
Fasziniert von der Pariser Kunst, Literatur und Geschichte begann er 2004 an einer Folge von Radierungen, Lithografien und Zeichnungen zu arbeiten, die inzwischen zu einem zweibändigen „Pariser Album“ angewachsen sind. Auf den Spuren der Literatur und der Geschichte wandelt er zurück durch die vergangenen Jahrhunderte und verleiht literarischen und historischen Personen Gesichter und Handlungsrahmen:

Charles de Gaulle wird als Sonnenkönig Ludwig XIV. mit dessen Perücke dargestellt; Napoleon erleidet seine letzte Niederlage, indem Touristen seinen roten Sarkophag im Invalidendom überrennen. Marie Antoinette irrt durch die Gänge der Pariser Metro. Diderot grüßt Molière, Hitler öffnet Rodins „Höllentor“, Degas sehen wir als Voyeur im Boudoir. Stücke erkennt und visualisiert überraschende Verbindungen zwischen dem, was geschehen ist, und dem, was französische Autoren oder Künstler sich in ihren Werken erdacht haben. Historische Ereignisse liest er parallel zu Szenen aus Literatur und Kunst und hinterfragt so das Bild, das wir von der Pariser Geschichte haben.

Das idyllische Paris ist Jochen Stücke fremd. Er interessiert sich für die Ikonografie, die Sprache der Stadt. "Ich habe Lust, große Autoren und Staatsmacher auf ein normales Maß zu führen, historische Lügen zu brechen und nicht zu idealisieren", sagt der Künstler. „Mir geht es darum, Kultur und Geschichte der Stadt durch assoziative Querverbindungen intensiv zu verweben.“

So ist Stückes Werk eine Zeitreise durch Paris, die ironisch gebrochen Geschichte erzählt und auch das Pathos der Franzosen hinterfragt. Das Erstaunliche ist, dass diese Kunst gewordenen Reflexionen eines Deutschen die Franzosen so sehr interessieren, dass sie seine Bilder museal bewahren wollen: Schon vor vier Jahren hat die Bibliotheque Nationale in Paris sieben von Stückes Arbeiten gekauft. Jetzt haben zwei französische Kommissionen mit jeweils 15 Kuratoren aus französischen Museen beschlossen, 16 weitere Zeichnungen aus Stückes Pariser Album in die Sammlung des Musée Carnavalet aufzunehmen.
In Deutschland würdigten u.a. das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und Schloss Cappenberg das Paris Album durch Ausstellung bzw. Ankäufe, 2014 wird das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal eine Stücke-Ausstellung zeigen.
Jochen Stücke, Jahrgang 1962, studierte in seiner Heimatstadt Münster bis 1987 am Fachbereich Design der dortigen Fachhochschule, u. a. bei Prof. Rolf Escher. Stipendien führten ihn nach Oslo, Südfrankreich und an den Bodensee. Zwischen 1992 und 1996 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig, wo er auch Meisterschüler von Karl Christoph Schulz war. Nach verschiedenen Lehraufträgen, u. a. als Gastdozent an der Woodbury University (Burbank, Los Angeles), ist Jochen Stücke seit 2002 Professor für Zeichnen und Illustration an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. Neben den zahlreichen Ausstellungen in Deutschland wurden seine Bilder u. a. auch in Wien, Madrid, Paris und Los Angeles gezeigt.

Lydia Harambourg schreibt in einer der wichtigsten französischen Kunstzeitschriften: „Die graphische Eloquenz, der Geist, seine authentische und ausdrucksvolle Schaffungskraft machen aus Jochen Stücke einen der großen Zeichner seiner Zeit.“ (La Gazette de l’Hôtel Drouot, Paris, 29. Mai 2009).