Ausstellung:
Ursula Strozynski, Susanne Theumer
und viele andere – Lost Places

Ausstellung 25.1.2023 - 11.3.2023
Mo – Fr 10.00 – 19.00 Uhr, Sa 10.00 – 17.00 Uhr

Warum mögen wir eigentlich künstlerische Landschaftsdarstellungen, wenn es doch auch reichen würde, aus dem Fenster zu schauen oder an den Stadtrand zu fahren? Die Frage hätten sich die Menschen vor der Renaissance wohl auch gestellt, denn heute gilt Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux am 26. April 1336, die dieser in seiner gleichnamigen Abhandlung schilderte, als die erste emotional aufgeladene Landschaftsbetrachtung. Sie wird als Beginn des modernen Naturgefühls gewertet. Petrarca zeigte sich bei Erreichen des Gipfels überwältigt von der Schönheit der Welt, die sich vor ihm ausbreitet.

Er war demnach der Erste, der die Landschaft aus rein ästhetischen Gründen betrachtete, d. h. er stieg weder aus militärstrategischen Motiven auf einen Berg, noch weil es der kürzeste Weg zu einem angestrebten Ziel gewesen wäre, sondern ausschließlich, um den Fernblick zu genießen und ihn ohne konkrete Absichten in der Landschaft schweifen zu lassen.

Um solchen Genuss auch durch die Bildende Kunst zu ermöglichen, bedurfte es aber erst der durch Brunelleschi (1377 – 1446) und andere entdeckten Linearperspektive, mittels der es gelang, den dreidimensionalen Raum einer Landschaft auf der Bildebene darzustellen. Die früheren Möglichkeiten der Malerei hatten nicht ausgereicht, um mit Landschaftsbildern Gefühle auszulösen.

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Lost places: Ursula Strozynski

Was ihr als Motiv ins Auge fällt, das wirft sie mit wenigen kargen Strichen aufs Papier – könnte man pathetisch sagen. Das mit dem „Werfen“ wird bei der Kaltnadelradierung sowieso nichts, aber der Strich muss auf Anhieb sitzen. Die sparsame, aufs Äußerste verknappte Bildsprache erweckt schnell den Eindruck von Sprödigkeit und Lakonie, ja, auch Melancholie. Und die dominiert fast all ihre Grafiken. Neu ist ihre Arbeit in der Technik der Monotypie: Dazu ritzt sie ihre Motive in eine Kunststoffplatte, die aber in mehreren Farben nicht in der Druckpresse, sondern mithilfe einer kleinen Handwalze abgezogen wird. Das nicht Berechenbare dieses Vorgangs macht jeden Druck zum Unikat, die reine „Handarbeit“ hat ihre ganz eigene Aura.

Ursula Strozynski, 1954 in Dingelstädt/Eichsfeld geboren, lebt und arbeitet in Berlin.

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Lost places:
Susanne Theumer

Die Künstlerin hat einen Werkschwerpunkt im Thema Lost Places, das Aufspüren, Recherchieren und Dokumentieren der Orte und ihrer Geschichte ist Teil des Kunstwerks, das direkt vor Ort entsteht:
„In die Lost Places, wenn es Gebäude sind, steige ich immer ein, es klappt fast immer, auch wenn es verboten ist. Und einmal hatte ich auch Polizeibesuch...Doch es muss vor Ort geschehen! Diese Größen (der Zeichnungen) sind auf dem Boden sitzend händelbar. Ca. 3 Stunden arbeite ich vor Ort daran, mit den großen Radierplatten gehe ich meistens mehrere Tage an dieselben Stellen und arbeite daran weiter. Vor Ort ist die Stimmung, sind die Geräusche, die Begegnungen mit anderen (neugierigen) Beobachtern und Tieren (!), das Licht, das Wetter insgesamt, das Erfühlen des Ortes etwas ganz Wesentliches und Authentisches, alles muss in die Zeichnung. Ich höre oft von Leuten, dass sie genau das spüren, ohne dass ich es schon gesagt hätte, das freut mich immer. Nur das Wenigste bearbeite ich im Atelier weiter, oder in der Druckwerkstatt.“
Susanne Theumer, 1975 in Halle/Saale geboren, lebt und arbeitet in Höhnstedt im Seegebiet Mansfelder Land.

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Lost places:
Franz Theodor Schütt

Die Arbeiten des 1908 in Berlin geborenen, aber in Stettin aufgewachsenen Künstlers begeisterten mich schon als Jugendlichen, der eine große Retrospektive im Wiesbadener Museum gesehen hatte. Folgerichtig war er der erste Künstler, dessen Bilder ich in der dortigen Bücher-gilde-Kellergalerie ausstellte, als ich deren Leitung 1987 übernahm. Schütt, der als Kritischer Realist Ärger mit den Nazis hatte, verlor bei einem Bombenangriff auf Stettin im 2. Weltkrieg sein gesamtes Vorkriegswerk. Er wurde zu dieser Zeit schon international gesammelt und ist z.B. neben Renoir, Cézanne, Matisse und Picasso in der berühmten Barnes Foundation Philadelphia vertreten. Nach dem 2. Weltkrieg lebte er in Wiesbaden, konnte jedoch in der von der Abstraktion dominierten Westkunst-szene nicht wirklich reüssieren. Er blieb unbeirrt dem Realismus treu, prangerte in seinen Arbeiten schon früh Umweltzerstörungen an und hielt die Erinnerung an die schrecklichen Zerstörungen des Krieges wach. Schütt starb 1990 in Wiesbaden.

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Lost places: Jürgen Gerhard

Der Künstler wurde 1947 in Leipzig geboren, wo er auch eine Schriftsetzerlehre absolvierte. Als solcher war er ab 1966 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst tätig, um schon zwei Jahre später dortselbst u.a. bei Werner Tübke zu studieren. Seit 1973 arbeitet er als freischaffender Künstler, zunächst in Hohen Neuendorf, seit 2015 lebt er in Oranienburg. Einen seiner Lost Places hat er in der Radierung „Marathon“ von 1980 porträtiert: Vor einer unschwer als die Berliner Mauer zu identifizierenden Grenzanlage sind Trümmer einer klassischen Säule zu sehen. Wohlgemerkt, das Untergangsymbol befindet sich diesseits der Mauer! Das war prophetisch und brauchte 1980 Mut!

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Lost places:
Hans Jürgen Reichelt

Der 1956 in Obernhau/Erzgebirge geborene Künstler studierte 1979 bis 1982 Restaurierung für baugebundene Kunst in Potsdam. Bis 1986 arbeitete er als Museumsrestaurator, dann beginnt seine freie künstlerische Arbeit, vor allem in der Radierung. Von 1999 bis 2016 lebte er in Dresden, seitdem in einem von ihm restaurierten Bauernhaus in einem kleinen Dorf nahe der Stadt Nossen. Schon wegen seines parallel immer weiter ausgeübten Berufs als Restaurator alter Häuser ist er sozusagen berufsmäßig auf der Suche nach Lost Places, deren reales Abbild sich in seinen Radierungen findet, es gibt sie aber auch als fantasierte Orte des durch seine Bilder reisenden Antiquars…

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Lost places: Harald Alff

Der 1964 in Leipzig geborene Künstler, Meisterschüler von Karl-Georg Hirsch an der dortigen HGB, ist so etwas wie der Porträtist von Stadtlandschaft an sich. In raffinierter Holzschnitttechnik, die seine Straßenbilder aus feinsten Helligkeitsabstufungen der immer gleichen Farbe entstehen lässt, gibt er dem prosaischen Stadtalltag Gestalt. Der Lost Place, den wir von ihm in die Ausstellung gehoben haben, ist – die Straße An der Staufenmauer in Frankfurt, wo unsere Buchhandlung beheimatet ist. Verloren ist hier die alte Frankfurter Judengasse, die nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs ersetzt wurde durch eine vollkommen gesichtslose Neubebauung, in der nichts mehr an das pulsierende Leben der Vorkriegszeit erinnert. So schön unsere unmittelbare Nähe zum Frankfurter Zentrum Zeil, so nützlich das Sackgassendasein für eine erschwingliche Ladenmiete direkt in der Innenstadt ist, so bedauerlich ist das absolute Ausradieren aller Spuren des historischen Ortes. Keine Reminiszenz.

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Lost places:
Wolfgang Werkmeister

Der 1941 in Hamburg geborene Radierer ist mit einigen Exponaten in der Ausstellung vertreten, weil er über viele Jahre mit der Radierplatte im Gepäck einsame Gegenden z.B. auf den Kanaren vor Ort porträtiert hat, die durch die Vulkanausbrüche jegliches Leben verloren haben.

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Elfriede Weidenhaus
9. September 1931 –
2. Januar 2023

Da ist eine Große gegangen, nach einem langen und erfüllten Künstlerinnenleben. In Berlin geboren, studierte sie bei Max Schwimmer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Von 1953 bis 1990 arbeitete sie als freischaffende Malerin und Grafikerin in Stuttgart, seit 1991 in Erkenbrechtsweiler auf der Schwäbischen Alb. Weidenhaus hat mehr als 50 Bücher illustriert, die überwiegende Zahl mit Originalradierungen, die sie meist auch selbst gedruckt und in ihrer 1959 gegründeten Zikadenpresse verlegt hat. Meines Wissens war sie damit die erste deutsche Pressendruckerin. Der Kunstkritik mag ihre heitere, leichte, frivole Handschrift nicht behagt haben, aber das waren eben lange Zeit auch nur – Männer...

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Elfriede Weidenhaus' Zikadenpresse

Ich habe sie zwei Wochen vor ihrem Tod noch einmal in ihrem Haus auf der Schwäbischen Alb besucht und da hatte sie mir eine Mappe mit kolorierten Radierungen und einige ebenfalls durch Aquarellieren von Radierungen und Illustrationen zu Unikaten aufgewertete Bücher der Zikadenpresse herausgesucht. Sie wollte, dass ihre Arbeiten öffentlich und zugänglich bleiben. Den Erlös vermacht sie der Tierrechteorganisation PETA. Es ist die letzte Möglichkeit, Bücher direkt aus dem Besitz der Künstlerin zu erwerben.

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Faber & Faber: Band 45 der Graphischen Bücher kommt im März

Wolfgang Hildesheimer/Christoph Ruckhäberle – Lieblose Legenden. Kurzgeschichten

Die erstaunliche originalgrafische Buchreihe mit den jeweiligen erstgedruckten Werken deutscher Autor/inn/en des 20. Jahrhunderts geht weiter mit den „Lieblosen Legenden“ von Wolfgang Hildesheimer, illustriert werden diese von Christoph Ruckhäberle. Der 1972 in Pfaffenhofen an der Ilm geborene Künstler wird der sogenannten Neuen Leipziger Schule zugerechnet. Er hat eine Professur für Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und betreibt den Lubok Verlag. Das Erscheinen des Buches ist für März angekündigt, wer aber eine der 100 Vorzugsausgaben haben möchte, sollte uns relativ rasch Bescheid geben…

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Karl Liebknecht in Bronze

Der in der Nähe von Marburg lebende Bildhauer Peter Braun ist in Bezug auf den Krieg in der Ukraine skeptisch, was eine deutsche Beteiligung angeht und schaut verwundert auf hiesige Linke, denen die Waffen plötzlich gar nicht „schwer“ genug sein können. Das hat den Künstler, der dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiern kann, dazu bewogen, einen großen Mahner gegen die deutsche Beteiligung am 1. Weltkrieg zu porträtieren. In den Sockel ist die von Bertolt Brecht verfasste Grabinschrift Liebknechts graviert: „Der Kämpfer gegen den Krieg/Als er erschlagen wurde/Stand unsere Stadt noch“.

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Hans Magnus Enzensberger
und der Pressendruck:
Svato-Verlag

Der rühmenden Nachrufe auf den Dichter gibt es viele, es braucht hier keinen weiteren. Aber einen nicht erwähnten Aspekt möchte ich doch ins Rampenlicht rücken – der begehrte Autor hatte ein Herz für den Pressendruck! Künstler und Verleger ebensolcher mögen natürlich bei dem großen Aufwand eines mit Originalgrafiken illustrierten Buches nicht gern den 50. Aufguss eines Textes herausgeben, es soll doch bitte auch literarisch eine Erstausgabe sein. Für den Autor ist das schwierig, denn die zu erreichende Öffentlichkeit ist ja bei Auflagen von 50 oder 100 Exemplaren erst einmal sehr beschränkt.

Enzensberger hat sich trotzdem wiederholt auf diese Exklusivität eingelassen. Svato Zapletal schreibt: „Ich hatte Enzensberger einfach frech gebeten, ob er mir nicht für mein siebzigstes Buch einen Text zur Verfügung stellen würde, der noch nicht erschienen ist. Prompt hatte er „Heureka“ zugesagt, wir haben uns auch in Berlin getroffen, es war eine angenehme Begegnung. Und das Buch hat ihm sehr gut gefallen, er hat es sogar unserer einzigen Nobelpreisträgerin Frau Prof. Nüsslein-Volhard geschenkt, die die grafische Umsetzung „glänzend“ fand, wie sie mir schrieb. Es ist ein Gespräch zwischen zwei Wissenschaftlern; in Grafiken war das nicht so einfach umzusetzen…“ Svato hat das Problem durch eine intelligente Farbprogression in der Abfolge der 24 Orig.-Linolschnitte gelöst.

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Hans Magnus Enzensberger und der Pressendruck:
Jens Henkels burgart presse

Ähnliche Erfahrungen hat der Verleger der burgart presse Rudolstadt, Jens Henkel, mit dem Schriftsteller gemacht. Um mit dem illustrierenden Künstler Steffen Volmer die mit seiner Tochter verfasste „Geschichte von Riesen und Göttern“ persönlich zu besprechen, machte Enzensberger eigens einen kurzen Abstecher ins thüringische Rudolstadt.

Meine eigene Einladung an ihn, das Buch bei uns in der Buchhandlung in seiner Gegenwart vorzustellen, beschied er mit einem lakonischen, wiederverwendbaren Fax: „Herr Enzensberger dankt für die Einladung. Herr Enzensberger kommt nicht.“

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Peter Zaumseil –
Wasser ist Leben

Ein Buch mit 50 (!) Orig.-Holz-
schnitten

Ich hatte schon im letzten Grafikbrief darauf verwiesen, dass die Corona-Bschränkungen den Künstlern Zeit für wuchtigere Projekte ließ. Peter Zaumseil hat seinen Heimatfluss, die Weiße Elster, in 44 Bild- und 6 Textholzschnitten zu Christian Morgenstern porträtiert, dabei sind viele Seiten auch noch ausklappbar, sodass echte Panoramen entstehen, die nicht durch den Mittelfalz des Buches beinträchtigt werden. Die Weiße Elster ist ein 247 km langer Nebenfluss der Saale und fließt z.B. auch durch Leipzig...

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35. Deutsch-Niederlän-
dische Grafikbörse Borken

Freitag, 3. März bis Sonntag, 5. März 2023

Öffnungszeiten: Freitag 16.00 bis 20.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr (bitte kurz vor der Börse noch einmal hier kontrollieren, ob sich evtl. etwas an diesen Öffnungszeiten geändert hat.)

Wie immer in der Stadthalle Borken, Am Vennehof 1. Parken im angeschlossenen Parkhaus und Eintritt kostenlos. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns dort treffen – es ist die größte und älteste Grafikmesse Deutschlands mit 70 Ausstellenden!

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Neu in den letzten 14 Tagen

Wir haben einen neuen Service auf grafikbrief.de eingerichtet: Ein Link auf der Startseite "Neu in den letzten 14 Tagen" verschafft Ihnen auf einen Klick eine Übersicht, bei welchen unserer ca. 250 Künstler/inne/n, Druckpressen, Verlage und Themen wir Neues eingestellt haben. Alles, was hier in der Übersicht des aktuellen Grafikbriefs neu ist, findet sich dort nicht, denn das würde sehr unübersichtlich werden.

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