
Papierschöpfer-Handwerk und innovative Buchkunst auf höchstem Niveau!
Ein Werkstatt-Besuch bei John Gerard
An sich hatte ich ja gedacht, ich wüsste ziemlich gut Bescheid darüber, wie von Hand geschöpftes Papier, das „Trägermaterial“ der Druckgrafik, entsteht. Aber dann ging es schon bei dem von mir verwendeten Wort „Büttenpapier“ los: John Gerard wies auf einen großen Bottich in seiner Werkstatt und sagte: Das ist meine Bütte. Doch darin werden ganz unterschiedliche Materialen verarbeitet. Von Hand geschöpftes Papier kann aus Baumwollfasern, aus Flachs oder aus Hanf hergestellt werden, aber auch aus alten Jeans (gibt natürlich blaues Papier), aus Leinen und aus Lumpen. Dann ist es Baumwollbütten (weich und füllig), Flachsbütten (starr und hart) oder Hanfbütten (etwas dazwischen). Und natürlich das Japanbütten aus der Rinde des Maulbeerbaumes (langfaserig, sehr, sehr dünn, unzerreißbar, sehr aufwändig).
Schon nach meiner dritten Frage holt Gerard seine Mitarbeiterin und sagt: Wir zeigen es Ihnen lieber in der Praxis. Sie arbeiten gerade an einer Auflage von grünem Baumwollbütten, das Origami-Künstler brauchen. In der Bütte steht viel Wasser, auf dem Boden hat sich eine Schicht grüne Fasern abgesetzt, sieht aus wie Algen. Die Brühe wird verwirbelt, bis sie eine schwach grüne Färbung aufweist. Mit einer raschen Bewegung wird ein straff gespanntes viereckiges feinmaschiges Drahtsieb in den Bottich getaucht und gleich wieder voll der grünen Wassermasse herausgehoben – bei 50 Wiederholungen am Tag harte körperliche Arbeit...
Lesen Sie, wie es mit dem künftigen Bütten weitergeht, durch Klick auf das Bild, so kommen Sie zum Link zum ganzen Werkstattbericht

Urte von Maltzahn-Lietz – Ein Atelier-besuch in Leipzig:
So sehr oft trifft man nicht auf Künstler/innen, die u.a. auch Mongolistik studiert haben. Nachträglich habe ich mich gewundert, dass ich Urte von Maltzahn gar nicht danach gefragt habe, was sie denn dazu bewo-gen hat, aber ihr Lebens-lauf weist so viele Wendun-gen auf, dass einen eigent-lich gar nichts wundern kann.
Geboren wurde sie 1972 in Güstrow in Mecklenburg, der Ernst-Barlach-Stadt, als Tochter eines in der DDR-Bürgerrechtsbewegung höchst engagierten Pfarrers, der später auch einer der Mitbegründer des Neuen Forums war. Für seine Tochter freilich erwuchs daraus eine bittere Beschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten: Sie sagt, ihr sei schon im ersten Schuljahr klar geworden, dass sie als Tochter des Klassenfeindes keinen Anspruch darauf haben würde, ihren Ausbildungsweg, einschließlich des Schulabschlusses, selbst zu wählen. Statt Abitur zu machen, musste sie nach der 10. Klasse abgehen und sollte eine Lehre als Melkerin absolvieren. Gesundheitliche Gründe verhinderten Letzteres und nach vielem Hin und Her bekam sie durch Vermittlung eines Kirchenvorstands die Chance, Gebrauchsgrafikerin zu lernen. So konnte sie immerhin etwas mit ihrem zeichnerischen Talent anfangen.
Lesen Sie nach Klick aufs Bild, wie es die Künstlerin doch noch zur Kunst schaffte...

Buchgewordener Einblick in das Atelier von Petra Schuppenhauer
Der Münchner Sammler Dietmar Mayer hat nach Fotobüchern über Atelier-besuche u.a. bei Klaus Süß und Frank Eißner ein wei-teres vorgelegt – und dieses Mal Petra Schuppenhauer in ihrer Leipziger Druckwerkstatt besucht und den Arbeits-alltag der Künstlerin fotografisch dokumentiert. Er hat sie nicht nur in ihrer eigenen Werkstatt aufgenommen, sondern auch zum Drucker Thomas Simon in der Leipziger Spinnerei begleitet, wo sie ihre 1,40 x 1,00 m großen Farbholzschnitte drucken lässt, für die ihre eigene Presse zu klein ist. So gewinnt man auch einen guten Eindruck von den unterschiedlichen Dimensionen einer Künstlerwerkstatt und der eines der wenigen hochprofessionellen Drucker, die es noch gibt.
Von Mayers Büchern werden immer nur wenige Exemplare im Digitaldruck hergestellt, und diese kommen praktisch ausschließlich als Vorzugsausgaben auf den Markt. Petra Schuppenhauer hat einen Schuber bauen lassen, der mit einem Orig.-Holzschnitt bezogen ist. Dem Buch liegt zudem der von der Antarktisreise der Künstlerin inspirierte Orig.-Farbholzschnitt „Vorbeifahren“ bei, der einen Rie-sengletscher zeigt, vor dessen Masse sich der winzige Fischtrawler tatsächlich wie eine Nussschale ausnimmt – eine Nussschale, die auf unserer Abbildung schon kaum mehr wahrnehmbar ist.

2025, ein verlustreiches Jahr für Buchkunst und Druckgrafik: Wolfgang Würfel, Inge Jastram,
Núria Quevedo, Wolfgang Petrick, Toni Torrilhon
Wenn man sich die Namen und Jahrgänge der 2025 verstorbenen Künstler/innen ansieht, die Maßgeb-liches in Druckgrafik und Buchkunst geschaffen haben, so muss man konstatieren, dass die heute 85 bis 95-Jährigen einer Goldenen Künstler-Generation ange-hörten. Das ist sicher z.T. auch den gesellschaftlichen Bedingungen zu verdanken, die in den 60er und 70er-Jahren herrschten, als diese Künstler am Anfang ihrer Karrieren standen: In der DDR hatte die erschwingliche Kunst für jede/n einen Markt und flog mit Auflagen unter 100 Exemplaren unter dem Radar der Zensur, in der BRD und Westberlin war sie zu diesen Zeiten häufig Vehikel politischer Agita-tion, gegen Vietnamkrieg, Franco-Faschismus und Notstandsgeset-ze. Aus diesen politischen Anfängen heraus erarbeiteten sich die Künstler/innen große formale und künstlerische Wirkmächtigkeit.

Wolfgang Würfel
* 31. März 1932 in Leipzig; † 26. Januar 2025 in Berlin
Wolfgang Würfel studierte von 1950 bis 1955 an der Kunst-hochschule Berlin-Weißensee u.a. bei Arno Mohr. In Gastvorlesungen lernte er Werner Klemke kennen, der ihn zu Buchillustration und Druckgrafik, insbesondere dem Holzstich, anregte. Seit 1955 arbeitete er als freischaffender Künstler in bzw. in der Nähe von Berlin. Würfel war einer der produktivsten Buchillustra-toren der DDR. Er illustrierte über 200 Bücher, Belletristik, Kinder-bücher, Schul- und Lehrbücher. Dabei bediente er sich vor allem der Techniken des Holzstichs, der Schabkunst und der Federzeichnung. Würfel, dessen Arbeit wir vor einigen Jahren eine Ausstellung in unserer Buchhandlung gewidmet haben, war ein sehr bescheidener, in sich ruhender Künstler, das große Gewese um sein Werk war seine Sache nicht. Immerhin wurden 10 von ihm illustrierte Bücher im Wettbewerb „Schönste Bücher der DDR“ ausgezeichnet. Wolfgang Würfel wurde 92 Jahre alt.

Inge Jastram
*3. Oktober 1934 in Naumburg; † 3. Oktober 2025
Inge Jastram begann nach einer Schneiderlehre ein Studium als Modezeichnerin in Erfurt, das sie jedoch abbrach. 1952 – 57 studierte sie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, u.a. bei Werner Klemke, und beendete das Studium mit dem Diplom als Buchgrafikerin. Mit ihrem Mann, dem Bildhauer Jo Jastram, zog sie Ende der 1950er-Jahre nach Rostock, seit 1973 lebten beide auf einem Hof in Kneese bei Marlow. Sowohl Ihr Sohn Jan Jastram als auch ihre Tochter Susanne Rast sind freischaffende Bildhauer. Wie das in Künstlerehen häufig der Fall ist, stand Inge Jastram als Meisterin der kleinen Form, der Radierung und der Buchillustration, in der öffentlichen Wahrnehmung lange im Schatten ihres Künstlergatten mit seinen überlebensgroßen Skulpturen, wurde jedoch 2019 mit dem Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Für Faber & Faber illustrierte sie einen Band der „Graphischen Bücher, Erstlingswerke deutscher Autoren des 20 Jahrhunderts“. Inge Jastram wurde 91 Jahre alt.

Tony Torrilhon
*27. September 1931 in Melun (bei Paris)
† 9. November 2025 in Rheinsberg
Tony Torrilhon studierte 1950 bis 1957 Medizin an der Pariser Sorbonne. Von 1958 bis 1960 absolvierte er seinen Militärdienst als Feldarzt in Algerien. Nach Ablauf des Militärdienstes beschloss er, nur noch von der Kunst zu leben, und studierte ab 1961 an der Accademia di Belle Arti in Florenz sowie von 1965 bis 1972 in Berlin an der Hoch-schule der Künste. Ab 1974 lebte er als freischaffender Künstler in Berlin, sein Werk konzentrierte sich vor allem auf den Kupferstich, einer Technik, die seinem präzisen, detailtreuen Stil entgegenkam. In den 80er Jahren wandte Torrilhon sich verstärkt der Holzbildhauerei zu. Zeugnisse seiner Arbeit finden sich in Rheinsberg, wo der Künstler ab 2003 lebte und das Stadtbild durch zahlreiche, auf eigene Kosten errichtete Holzskulpturen prägte. Für die Büchergilde hat der Künstler seit den 1980er-Jahren zahlreiche Grafiken geschaffen. Toni Torrilhon wurde 94 Jahre alt.

Núria Quevedo
*18. März 1938 in Barcelona; † 22. November 2025 in Berlin
Núria Quevedo war die Toch-ter republika-nischer kata-lanischer Emigranten vor dem Franco-Regime und lebte seit 1952 in Berlin. Sie studierte von 1958 bis 1963 an der Kunsthochschule Weißensee bei Arno Mohr, Klaus Wittkugel und Werner Klemke, dessen Meisterschülerin sie von 1968 bis 1971 war. Ab 1963 arbei-tete sie freischaffend; in den 1970er-Jahren entstanden zahlreiche Buchillustrationen, eine ihrer bedeutendsten war die von Christa Wolfs „Kassandra“. Sie illustrierte aber auch Bücher von Anna Seghers und Franz Fühmann; Autoren, die sich intensiv mit Fragen der menschlichen Existenz im Exil auseinandergesetzt haben – dem Lebensthema der Künstlerin.1974 erhielt sie den Max-Lingner-Preis der Akademie der Künste der DDR, 1988 den Nationalpreis der DDR, 2005 die Hans-Meid-Medaille für Illustration. Núria Quevedo wurde 87 Jahre alt.

Wolfgang Petrick
* 12. Januar 1939 in Berlin; † 5. Dezember 2025 ebenda
Wolfgang Petrick studierte ab 1958 Biologie an der FU Berlin, wechselte aber an die Hochschule für Bildende Künste (heute UdK) bei den Professoren Mac Zimmer-mann, einem Vertreter des deutschen Surrealismus, und beim Bauhaus-Künstler Fritz Kuhr. Nach dem Studium gründete er 1965 mit 15 Künstlern wie u. a. Karl Horst Hödicke, Markus Lüpertz und Peter Sorge eine der ersten unabhängigen Produzentengalerien Deutschlands „Großgörschen 35“, die sich als Gegenmodell zum etablierten Kunsthandel verstand. Petrick war in einer noch weit-gehend von der Abstraktion dominierten Kunstlandschaft im Nach-kriegsdeutschland ein Kämpfer für die figurative Kunst. Von 1975 bis 2007 hatte er eine Professur an der Hochschule der Künste Berlin inne. 1977 war er Teilnehmer der documenta 6. Petricks Werk war geprägt von den furchtbaren Eindrücken einer Kindheit in der Nähe des KZ-Außenlagers Daimler-Benz Genshagen. In der Berliner Mariannenpresse schuf er außergewöhnliche Künstlerbücher. Wolfgang Petrick wurde 86 Jahre alt.

Eine Grafikmappe von Claudia Berg zu Lebensstationen Lessings
Eine Reise durch Kamenz, Putzkau und Meißen auf den Spuren von Gotthold Ephraim Lessings Jugend war der Ausgangspunkt für eine Mappe mit sieben Orig.-Kaltnadelradierungen von Claudia Berg. Im Zentrum steht eine ge-zeichnete Landschaft, wie Lessing sie auch heute noch wahrnehmen könnte. Fünf Motive sind dabei Lessings Heimat-stadt Kamenz gewidmet, darunter sein sogenannter „Lieblingsplatz“ an einer erhöhten Stelle des Hauptfriedhofs, von der man einen guten Ausblick in das Herrental hat. Ein weiteres Motiv zeigt Putzkau. An diesem Ort wird der damals zwölfjährige Lessing auf die Fürstenschule St. Afra in Meißen vorbereitet, einer heute noch bestehenden, 300 Jahre alten Hochbegabten-Schule, die Lessing besuchte. In dieser klosterähnlichen Umgebung, in der er in einem streng geregelten Umfeld fünf Jahre lang „mit aller Bequemlichkeit“ studieren kann, erlebt der junge Lessing aber auch die Schrecken und Nachwirkungen des zweiten Schlesischen Krieges. Der Blick vom Kirchhof auf St. Afra vervollständigt die Grafikfolge.

Deutsch-Niederländische Grafikbörse in Borken/Westfalen 27.2. bis 2.3.2026
Freitag, 27. Februar 16.00 bis 20.00 Uhr geöffnet
Samstag, 1. März und Sonntag 2. März jeweils 11.00 bis 17.00 Uhr
Wie immer in der Stadthalle Borken/Westfalen, Am Vennehof 1. Parken im angeschlossenen Parkhaus und Eintritt kostenlos. Es ist die größte und älteste Grafikmesse Deutschlands mit ca. 70 Ausstellenden, neben uns u.a. Franziska Neubert, Petra Schuppenhauer, Rainer Ehrt, Susanne Theumer, Skadi Engeln, Anastasya Nesterova und Peter Rensch!
An unserem Stand zeigen wir neue Arbeiten von Eva Pietzcker, Katrin Stangl, Urte von Maltzahn-Lietz, Hans Ticha, Klaus Süß, Druckstöcke von Antje Wichtrey, Bücher von John Gerard und Svat Zapletal und vieles mehr. Wenn es Grafiken oder Bücher gibt, die Sie evtl. auf unserer Website gesehen haben und in Borken persönlich in Augenschein nehmen wollen, sagen Sie uns bitte kurz Bescheid, damit wir sie dann vor Ort haben.

Neu in den letzten 14 Tagen
Wir haben einen Service auf grafikbrief.de eingerichtet: Ein Link auf der Startseite „Neu in den letzten 14 Tagen“ verschafft Ihnen mit einem Klick eine Übersicht, bei welchen unserer ca. 250 Künstler/innen, Druckpressen, Verlage und Themen wir Neues eingestellt haben. Es lohnt dann oft, eine Sie interessierende Künstler/innen-Seite anzuklicken, denn auch wenn wir 10 neue Arbeiten eines Künstlers hier einpflegen, rücken wir höchstens 2 oder 3 dieser Arbeiten in die Rubrik „Neu in den letzten 14 Tagen“.
