SIEGFRIED OTTO HÜTTENGRUND

Wenn eigensinnige Künstler an abgeschiedenen Orten leben, so scheint das ihrem Schaffen durchaus zuträglich zu sein. Da raspeln nicht dauernd Kritiker und Kollegen an den Kanten eines Werkes, um dieses rund zu feilen, und in einem System wie der DDR, in dem SOH, wie Hüttengrund sich selbst abkürzt, sein halbes Künstlerleben verbracht hat, waren die Kontrollnetze für einen Manieristen wie ihn in dem kleinen Hermsdorf ein bisschen grobmaschiger.

Andererseits hat diese Abgelegenheit den Nachteil, dass niemand so schnell über ein eigentlich sensationelles Werk stolpert, der Künstler oft ein Geheimtipp bleibt. Das klingt zwar toll, Geheimtipp, ist aber für den Getippten eher abträglich. Denn Kunst und Künstler suchen Öffentlichkeit, Kunst ist Kommunikation.

Dass Hüttengrunds eindrucksvolle Arbeiten in einer von ihm entwickelten, völlig eigenen grafischen Technik nicht aus jeder zweiten Galerieritze quellen, ist eigentlich ein Wunder. Gut, manches ist düster, vor den dunkleren Seiten des Daseins, dem Alten, dem Hässlichen macht seine bildnerische Fabulierlust nicht halt. Doch sein Werk hofiert auch die Schönheit, setzt Figuren auf regenbogenfarbene Untergründe, und manchmal entdeckt man erst bei genauem Hinsehen den Witz: Zum Beispiel gibt es ein Stillleben, im Mittelpunkt ein Tierschädel, der von einer Maus beschnuppert wird. Erst sehr spät wird man des Jägers gewahr, der aber nicht größer ist als seine mögliche Beute, die Maus. Und das alles in altmeisterlicher Manier radiert. (Ein weiteres Bild dokumentiert das Ergebnis der Jagd…)

Radiert? Es sind Holzrisse, quasi Radierungen in Holz, und als Hochdruck gedruckt. Diese Technik, nach dem Werkzeug des Radierers, der Radiernadel, (lat. radere: kratzen, reißen) benannt, ermöglicht das Ritzen filigranste Linien und Nuancen, in denen Hüttengrunds ganze Meisterschaft sichtbar wird. Er hat’s auf das Feinste ausgetüfftelt: Er kratzt in den Lack von Brettern vormaliger DDR-Wohnimmer-Einbauschränke, denn deren Lackschicht ist bis zu einem halben Millimeter dick. Er druckt auf einer Radierpresse, die im Gegensatz zur Holzschnitt-Presse einen enormen Druck ausübt – denn seine Farben sind hauchdünn, damit die feinstlinigen Vertiefungen nicht durch ‚fette’ Farbe verstopft werden. Er druckt auf ein sehr glattes Papier, das hergestellt wird für die Barytbeschichtung als Fotopapier. Und er arbeitet an einer Druckplatte 4 bis 6 Wochen! Eine kleine Original-Druckplatte ist in der Ausstellung zu sehen.

Hüttengrund sucht seine Motive in der Mythologie, den alten Sagen, bei den Göttinnen und Göttern aller Weltreligionen. Sein schöner Katalog enthält erfreulicherweise ein Glossar des Personals seines bizarren Welttheaters, aus dem ich nur ein paar Namen nennen will: Prosperina (Persephone), Lilith, Medusa, Animus und Anima (C. G. Jung), Kronos, Papageno (Mozart), Teje (Ägyptische Königin), John Dee (Engl. Astronom des 16. Jhrh.), Kajaphas (Jüd. Hoher Priester, 18 – 36 u. Z.).

Siegfried Otto Hüttengrund wurde 1951 in Hohenstein-Ernstthal geboren. Mit 17 Jahren befreundete er sich mit dem Maler und Grafiker Heinz Tetzner, der ihn förderte. 1976 bis 1979 studierte er an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, seither ist er als freischaffender Künstler tätig mit mehr als 120 Ausstellungen, u.a. in Norwegen, Großbritannien, Polen, Japan, den Niederlanden, den U.S.A. (New York) und Australien. Arbeiten von ihm finden sich in zahlreichen öffentlichen Sammlungen, u.a. im Kupferstichkabinett Dresden, in der Sammlung Buch-heim, Feldafing, im Universal Graphic Museum Cairo (Ägypten), dem Museum Ludwig, Köln, dem Museum für Sepulkralkultur Kassel u. v. a. Von seinen zahlreichen Preisen sei der „Award of the best of printmaking“, Massachusetts (U.S.A.) 1997 erwähnt.

Eine abschließende Anekdote kann ich mir nicht verkneifen. Der Umgang mit scharfen Werkzeugen, bei SOH der filigranen Radiernadel, hat in der Familie des Künstlers lange Tradition: Seine Vorfahren waren von 1565 bis 1750 bei den Hohensteiner Herrschern, den Schönburgern, Scharfrichter. Eines ihrer Familienrichtschwerter liegt heute im Museum von Meerane. Dieses Schwert gehörte dem Vorfahren Karol Otto, und er hat es nur 99 Mal benutzt, aus Angst, die Klinge könnte abspringen. Am Klingenschaft ist ein kleiner Spruch eingraviert, der heute etwas zynisch anmutet: „Ein Schelm, der Arges dabei denkt“.