Papierschöpfer-Handwerk und innovative Buchkunst auf höchstem Niveau! Ein Werkstatt-Besuch bei John Gerard
An sich hatte ich ja gedacht, ich wüsste ziemlich gut Bescheid darüber, wie von Hand geschöpftes Papier, das „Trägermaterial“ der Druckgrafik, entsteht. Aber dann ging es schon bei dem von mir verwendeten Wort „Büttenpapier“ los: Gerard wies auf einen großen Bottich in seiner Werkstatt und sagte: Das ist meine Bütte. Doch darin werden ganz unterschiedliche Materialen verarbeitet. Von Hand geschöpftes Papier kann aus Baumwollfasern, aus Flachs oder aus Hanf hergestellt werden, aber auch aus alten Jeans (gibt natürlich blaues Papier), aus Leinen und aus Lumpen. Dann ist es Baumwollbütten (weich und füllig), Flachsbütten (starr und hart) oder Hanfbütten (etwas dazwischen). Und natürlich das Japanbütten aus der Rinde des Maulbeerbaumes (langfaserig, sehr, sehr dünn, unzerreißbar, sehr aufwändig).
Schon nach meiner dritten Frage holt Gerard seine Mitarbeiterin und sagt: Wir zeigen es Ihnen. Sie arbeiten gerade an einer Auflage von grünem Baumwollbütten, das Origami-Künstler brauchen. In der Bütte steht viel Wasser, auf dem Boden hat sich eine Schicht grüne Fasern abgesetzt, sieht aus wie Algen. Die Brühe wird verwirbelt, bis sie eine schwach grüne Färbung aufweist. Mit einer raschen Bewegung wird ein straff gespanntes viereckiges feinmaschiges Drahtsieb in den Bottich getaucht und gleich wie-der voll der grünen Wassermasse herausgehoben – bei 50 Wiederholungen am Tag harte körperliche Arbeit.
Die grüne Soße setzt sich im Sieb ab, überschüssiges Wasser läuft zurück in den Bottich. Das Sieb wird dabei einmal kurz nach vorn und einmal zur Seite geschüttelt. Durch diese einfache, schnelle Bewegung verweben sich die Fasern miteinander zu einer dünnen, schon relativ festen Schicht. So fest, dass es zu meinem Erstaunen möglich ist, umgehend das Sieb umzustülpen auf eine Filzmatte – und da liegt er, der künftige Büttenbogen. Aber er hat jetzt noch 15 weitere Arbeitsgänge vor sich: Erst wird er schonend mit dem Filz gepresst, weiteres Wasser so dem Papier entzogen, dann werden ca. 10 feuchte Bögen überaus exakt übereinandergelegt, die Pressung dieses Stapels bringt die Sieb-Struktur des einen Bogens auf die Oberfläche des nächsten, es wird immer weiter gepresst, getrocknet und geglättet.
Es gibt in Deutschland nur noch drei professionelle Hand-schöpfer, und mit dem Handwerk sind auch die Werkzeugmacher dafür verschwunden. Siebe (Gerard besitzt ca. 200 verschiedene, einige sind 90 Jahre alt) und vor allem Rahmen für unterschiedliche Papierformate baut der Künstler heute selbst. Es ist unglaublich, wie viel Vorarbeit überhaupt nötig ist, bis es zum „Schöpfungsakt“ kommt: Stoff oder Rohstoff wie Naturflachs wird im „Holländer“ (einer Art Waschmaschine mit rotierenden Messern) in stundenlanger Prozedur in feinste Fasern zerhackt, es werden Stoffe entfärbt oder aus farbigen Stoffen entsprechend gefärbte Maische hergestellt. Die Rinde des Maulbeerbaumes muss für das Japanbütten in großen Einmachtöpfen gekocht werden, vorher wird ihre feste Struktur im wahrsten Sinne des Wortes zerschlagen, plattgeklopft. Handarbeit!
Bei alledem, sagt John Gerard, der z.B. auch riesige dicke Büttenformate von ca. 128 x 188 cm für die Nagel-Prägungen Günther Ueckers geschöpft hat, kann niemand auf der Welt vom Hand-Papierschöpfen leben. Aber er ist auch Buchkünstler und Buchkunst-Verleger, und das ist eine sehr glückliche Verbindung: der großartige Meister des Papierschöpfens, der auch anderen Künstlern dazu verhilft, sich in Papier auszudrücken. Und durch seine eigene künstlerische Arbeit den Buchkunstkosmos um bisher ungekannte Dimensionen erweitert!
Ein Beispiel: Die Flutkatastrophe an der Ahr 2021 ist nur knapp an Gerards Haus vorbeigegangen; der Teil des stark betroffenen Ortes Rheinbach, wo er lebt, liegt auf einem Berg. Die Katastrophe nahm der Künstler zum Anlass, sich mit Goethes Gedicht „Der Zauberlehrling“ auseinander-zusetzen, in dem ebenfalls Fahrlässigkeit zu nicht mehr zu kontrollierender Wasserentfesselung führt.
Betrachtet man den Buchrücken, so wird durch ausgetüftelte Faltung ein stilisierter „Besen! Besen! Seid‘s gewesen“ sichtbar. Klappt man das Buch auf, so ploppt nach Art der Pop-up-Bücher eine papierene Wanne auf, um deren Füllung es ja geht. Rechts und links flankiert wird die Wanne durch zwei Leporellos aus hellblauem Bütten, auf das die Gedichtstrophen im Bleisatz gedruckt sind. Auseinandergefaltet muten diese wie Wellen an. In das Papier sind Glitzersplitter eingeschöpft, die wie Wasser das Licht reflektieren. Der wirklich einzigartige Clou ist, dass das ganze Buchobjekt ohne einen Tropfen Leim aus-kommt, es hält komplett und sehr stabil allein durch eine höchst raffinierte, von John Gerard erdachte Faltung.
Johann Wolfgang von Goethe/John Gerard – Der Zauberlehrling. Künstlerbuch. Handgeschöpfte gestaltete Hadernpapiere, Format 24 x 24 cm, in einer geprägten Ganzleinenkassette, zweiteiliges Leporello mit einer eigens dafür entwickelten, kleb-stofffreien Bindung, Auflage 25 Unikatexemplare, im Impressum signiert, 2023. EUR 385,-
Als zweites Beispiel möchte ich Ihnen ein mit 28 Wasserzeichen (!) illustriertes Buch vorstellen, das Gerard zusammen mit dem britischen Künstler Fritz Best realisiert hat: Best, 1964 in London geboren, zog Ende der 90er Jahre nach Berlin; zu einer Zeit, als Gerard seine Werkstatt noch im Kreuzberger Bethanien betrieb. Best absolvierte dort ein Praktikum, aus dem eine langjährige Zusammen-arbeit mit Gerard resultierte. 2004 übernahm er als Nachfolger von Karl-Georg Hirsch die Professur für Holz-schnitt an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buch-kunst, die er bis 2010 innehatte.
In dem Buch „Last Judgements“ stellt Best in sieben Kapiteln die Anatomie einer Familie dar und verwebt sie mit Themen, die ebenfalls mit der Zahl 7 assoziiert sind, wie etwa die Anzahl der Familienmitglieder, die sieben Tugen-den, die sieben Todsünden, Wochentage, Erzengel, und Planeten. Mittels transparenter handgefertigter Papiere, in die Wasserzeichen eingeschöpft sind, werden im Dialog mit durchscheinenden Original-Druckgrafiken neue Strukturen und anspielungsreiche Botschaften sichtbar. Wasserzeichen übrigens entstehen, indem ein Drahtgebilde (so wie das spätere Wasserzeichen aussehen soll) auf das Schöpfsieb aufgenäht wird. Beim Schöpfen setzt sich an dieser Stelle natürlich weniger Papierfaser ab, das Papier ist dort also dünner. Wenn man es gegen das Licht hält, scheint das Wasserzeichen durch. Eine komplette Illustration in Wasserzeichen wie hier – das gab es meines Wissens bisher noch nie!
Fritz Best – Last Judgements. Ein Werk zu den sieben Todsünden und den sieben Tugenden, mit 20 Originalgrafiken, Texte in englischer Sprache. 14 handgeschöpfte Papiere aus weißem sowie dunklem Hechelflachs von John Gerard mit 28 Original-Wasserzeichen von Fritz Best. Ganzleineneinband im Frosch-Schuber, Format 21,5 x 15,5 cm, 84 Seiten, Auflage 35 Exemplare, im Impressum signiert und nummeriert, EUR 450,-
Last not least zwei Bücher, die John Gerard mit Originalgrafiken von Thomas Rug herausgebracht hat. Rugs Arbeiten haben wir Ihnen, ohne dass es dafür einen konkreten Grund gäbe, nur selten vorgestellt. Der 1953 in Bad Salzungen geborene Künstler hatte von 1993–2018 eine Professur an der Kunsthochschule Halle Burg Giebichen-stein inne, u.a. haben Claudia Berg und Susanne Theumer bei ihm studiert. Wikipedia bezeichnet ihn als „einen der bedeutendsten Grafik-Lehrer der letzten Jahrzehnte“ an der Burg.
Rug hat die bekannte Kurzgeschichte „Die Grube und das Pendel“ von Edgar Allan Poe mit 12 Orig.-Radierungen auf von John Gerard handgeschöpften Papieren illustriert. Der Text in der englischsprachigen Originalversion ist von Hand gesetzt und gedruckt, die japanische Blockbuch-bindung erlaubt einen echten Büttenrand, sodass die Anmutung eines alten Drucks entsteht. Das Buch befindet sich in einer Leinenkassette mit blindgeprägter Titelei auf dem Deckel wie auf dem Kassettenrücken.
Edgar Allan Poe/Thomas Rug – The Pit and the Pendulum. 32 Seiten mit 12 Orig.-Radierungen, Format 18 x 23 cm, Auflage 25 Exemplare, im Impressum von Rug und Gerard signiert, nummeriert, in englischer Sprache, EUR 650.-
Der Autor Wilhelm Bartsch mag einem breiten Publikum nicht bekannt sein, aber das Problem haben Lyriker wohl leider häufig. Ein Kritiker der FAZ schrieb über den 2024 von Bartsch erschienenen Gedichtband „Hohe See“: „Wer sich wie ich für einen halbwegs gebildeten Menschen gehalten hat, der lernt hier einiges, von dem er noch nie gehört hatte“. So erging es auch mir mit den „5 Sizilianen“ (eine Strophenform), die das ungebundene Buch „Ganz am Rande“ enthält. Der Dichter geht an die Ränder Europas, nach Lappland, Irland, Sizilien und Nordmazedonien und gibt lyrische Rätsel auf. Thomas Rug hat dazu 6 Orig.-Schablithografien geschaffen, eine Technik, die Sie vielleicht von Rolf Münzners Arbeit kennen: Der Lithostein wird schwarz beschichtet, das Bild durch minimale Schabungen aus dem Dunklen herausgeschält. Sehr aufwändig!
Wilhelm Bartsch/Thomas Rug – Ganz am Rande. 6 Orig.-Schablithografien. Handgeschöpfte Papiere von John Gerard, Handsatz, 6 ungebundene Doppelseiten in leinenbezogener Mappe, diese in einer blindgeprägten Leinenkassette. 28 x 34 cm, Aufl. 25 Expl., im Impressum von Bartsch und Rug signiert, num., EUR 600.-
Sie merken schon, solche Bücher muss man – sehen!, in die Hand nehmen, ja, sogar hören, die unterschiedlichen Papiere rascheln jeweils anders. Gelegenheit dazu gibt es vom 27.2. bis 1.3. auf der Grafikbörse in Borken/Westfalen (s.u.), und danach noch 14 Tage bis zum 14. März in der Buchhandlung in Frankfurt!
