„Der Markt“ hat ganz schön lange gebraucht:

190.000 Euro für ein Bild von Hans Ticha!

Da möchte man doch beinahe zum Marktliberalismus („der Markt wird’s richten“) konvertieren: Bei einer Auktion im Berliner Auktionshaus Lehr am 25. April 2026 wurde Hans Tichas Bild „Strandburg II“ von 1972 (Öl auf Leinwand, 105 x 130 cm) nach ausgiebigem Bietergefecht bei 140.000 Euro netto zugeschlagen, mit dem Aufgeld des Auktionshauses zahlt der Bieter 179.200 Euro, zuzüglich der 7 % Mehrwertsteuer liegt der Kaufpreis bei 191.744 Euro. Neben weiteren Bildern Tichas kam das Aquarell „Zwei Frisierköpfe“ von 1976 (32,8 x 27 cm) auf einen Preis von 4600 Euro netto, kostet also auf ca. 6000 Euro 

Man hat ein lachendes und ein weinendes Auge: Zum einen ist es außeror-dentlich erfreulich, dass sich die Wertschätzung Tichas nun auch in Preisen niederschlägt, die mit denen anderer bedeutender zeitgenössischer Künstler vergleichbar sind. Und andererseits rückt damit die Möglichkeit, ein größeres Bild von Hans Ticha zu erwerben, wohl für die meisten von uns in weite Ferne. 

Was hat der Künstler selbst davon? Sicherlich eine gewisse Genugtuung nach langjähriger Ignoranz des „Marktes“. Da es aber nicht mehr sein eigenes Bild war, ist er nur zu einem sehr kleinen Anteil an der Preisexplosion beteiligt, immerhin. Gewährleistet wird das durch das gesetzliche Folgerecht. Danach muss ein/e Künstler/in finanziell am Erlös eines Weiterverkaufs seines Kunstwerks beteiligt werden (ab einem Preis von 400 Euro). 

In der Bundesrepublik Deutschland wurde das Folgerecht während der Kanzlerschaft von Willy Brandt eingeführt. In anderen Ländern gab es noch nichts Vergleichbares und so mancher deutsche Kunsthändler reagierte darauf mit der Abwanderung in Staaten ohne entsprechende Regelungen. 2001 machte die vielgescholtene EU diesem Zustand ein Ende und schrieb eine Folgerechtsabgabe für das gesamte EU-Gebiet vor, einige Länder, wie Spanien, mussten zur Umsetzung in nationales Recht sogar vor dem EuGH verklagt werden.  

Der abzuführende Prozentsatz ist gestaffelt: Bis zu einem Netto-Verkaufspreis von 200.000 Euro z.B. werden 3 % der Kaufsumme fällig. Bezahlt werden muss die Abgabe vom Verkäufer, für das Prozedere ist das Auktionshaus gesetzlich verantwortlich. Durchgesetzt werden kann der Anspruch nur von einer Verwertungsgesellschaft, in der der/ die Künstler/in Mitglied sein muss. In diesem Fall ist das die VG Bildkunst, die analog zur bekannteren Musikverwertungs-gesellschaft GEMA Bildende Künstler/innen bei der Wahrung ihrer Urheberrechte vertritt.

Zurück zum jetzt versteigerten Bild: Wo kam das her? Es wurde vor ca. 15 Jahren von einem Büchergilde-Mitglied, einem Ticha-Enthusiasten mit normalen Einkommensverhältnissen, bei uns in der Buchhandlung gekauft, für ca. 8000 Euro. Wer mag, kann sich auf unserer Internetseite z.B. ein pdf mit dem Angebot des Büchergilde artclub Nr. 55 im 4. Quartal 2010 ansehen – 4 wunderbare Öl-Bilder von Hans Ticha zu Preisen zwischen 3500.- und 4000.- Euro (links unten „artclub-archiv“ anklicken). Der Käufer des Bildes ist leider im letzten Jahr verstorben, wir haben den Erben zu dem besagten Auktionshaus geraten. Niemand hat freilich angenommen, dass das Bild einen derartigen Preis erzielen würde. Warum jetzt, warum dieses Bild?

Meiner Meinung nach konnte man schon immer wissen, dass die Kunst von Hans Ticha singulär, zeitlos und durch Form und Inhalt gesellschaftlich bedeutend ist, und dieses Urteil betrifft nicht nur die Arbeiten, die die Verhält-nisse in der DDR aufs Korn nahmen und vom Künstler bis 1990 versteckt werden mussten. Er hat auch nach dem Fall der Mauer kritische Bilder gemalt – über die Zustände in der BRD.

Ticha versteht sich als Konstruktivist. Das bedeutet bei ihm, dass er in Körpern und Dingen geometrische Gesetzmäßigkeiten sucht und findet, aus denen er seine Bilder konstruiert (lateinisch constructio: „Zusammenfügung“, „Bau“). Damit hat seine Bildsprache etwas Absolutes und wird universell verstanden. Insofern bin ich der festen Überzeugung, dass auch die internationale Anerkennung seiner Kunst nur eine Frage der Zeit ist. Das Einzige, was es dazu noch braucht, ist der richtige Transmissionsriemen in Gestalt einer weltweit agierenden Galerie.

Ein weiteres Indiz für Tichas Ausnahmestellung ist die unendliche Fülle von plausiblen und oft überraschenden Bild-Ideen, die er auch als passionierter Buchillustrator im Lauf einer Schaffensspanne von 100 illustrierten Büchern entwickelt hat. Es ist – wie Sammer/innen seines buchgrafischen Werkes wissen – eine ungeheure, kaum fassbare Zahl von Bild-Erfindungen, alle sorgfältig durch-komponiert, in zahllosen Skizzen ausprobiert und so zur Druckreife entwickelt. Vermutlich hat ihm gerade dies lange auf dem Kunstmarkt geschadet: In Deutschland spricht die Kunst-Nomenklatura bei der Buchillustration gern abwertend von „angewandter Kunst“ im Gegensatz zu den „schönen Künsten“. Kann ein so umtriebiger Buchkünstler ein großer Maler sein? Yes, he can. 

All das hat der deutsche Kunstmarkt 35 Jahre lang ignoriert. Doch wie kam es zu der plötzlichen Wendung? Zum einen sicher durch eine „geballte“ Abfolge großer Malerei-Ausstellungen in drei namhaften Museen: erst im Feininger-Museum in Quedlinburg, dann in der Kunsthalle Rostock und aktuell, bis zum 14. Juni, im Neuen Museum Nürnberg. Vielleicht dadurch, vielleicht parallel entdeckt ihn das Feuilleton großer Zeitungen wie der „ZEIT“; das Fernseh-Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“ sendet einen Bericht über die Rostocker Ausstellung – nicht selbstverständlich, in deutschen Museen finden gleichzeitig sicher mehr als 100 weitere bedeutende Ausstellungen statt. Ticha ist auf einmal in aller Munde.

Jetzt bedurfte es nur noch eines Auktionshauses, das adäquat auf diese Entwicklung reagiert. Ich habe die Arbeit der Berliner Auktionatorin Dr. Irene Lehr seit der Gründung ihres Hauses 1995 verfolgt und oft bewundert, wie sie sich – sehr erfolgreich – für qualitätvolle Arbeiten weniger bekannter Künstlerinnen und Künstler engagiert hat. Möglicherweise wäre das Bild in einem anderen Auktionshaus nicht so in den Fokus gerückt und dann eher übersehen worden. Obwohl es inzwischen Abonnement-Systeme im Internet gibt, die Interessenten gegen Gebühr über (fast) jede Auktion eines interessierenden Künstlers informiert.  

Geschätzt worden war das Bild für die Auktion übrigens auf 18.000 Euro. Gute Auktionator/inn/en wissen, wie sie im Vorfeld Sammler/innen ansprechen und dann Dynamik in ein Bietergefecht bringen. Es ist ihr Handwerk. Damit dann ein solches Ergebnis wie das für Hans Tichas Bild erzielt wird, müssen aber eben, wie hier beschrieben, auch viele Faktoren zusammenkommen, die sich nicht planen und nicht steuern lassen.