Wieso wird man Grafikdrucker/in? Ein Besuch bei der SAAL-PRESSE in Bergsdorf

„Eine Druckpresse kann man nur in einem eigenen Haus betreiben, denn man kann z.B.  nach einer Mieterhöhung nicht mit den tonnenschweren Druckpressen umziehen.“ In Kenntnis dieser Tatsache suchten Angela Schröder und Jürgen Zeidler, die in Berlin lebten, Mitte der 1990er-Jahre im Berliner Umland nach einer Immobilie, die man sich auch mit kleinem Budget leisten könnte. Der entscheidende Hinweis kam schließlich von Kurt Mühlenhaupt, dem Kreuzberger Trödler und Künstler, für den Zeidler und Schröder schon mehrfach gedruckt hatten und der nach dem Mauerfall selbst im ca. 50 km nördlich von Berlin gelegenen Bergsdorf einen großen Hof für sein Museum erworben hatte: Auf seine Empfehlung hin erwarben die beiden dort den leerstehenden Dorfgasthof. Aus dessen Tanz- und Veranstaltungssaal wurde 1995 der Druckmaschinen-Saal, die Saal-Presse hatte ihren Platz und ihren Namen gefunden.

Angela Schröder, 1965 im hohen Norden geboren, musste ihren Wunsch, nach der Schule eine Ausbildung zur Andruckerin zu beginnen, gegen heftigen elterlichen Widerstand durchsetzen, aber sie schaffte es und wurde Anfang der 1980er Jahre die erste weibliche Auszubildende einer großen Traditionsdruckerei in Hamburg, die natürlich nur noch im Offsetdruck tätig war. Aber der Fußboden im Keller der Druckerei war gepflastert mit den alten Lithografie-Steinen, die Schröders Leidenschaft für die klassischen Grafikdrucktechniken weckten. Eine Lehrstelle zur Lithografie-Druckerin gab es damals schon nicht mehr, das Handwerk wurde jedoch an den Kunst- und Fachhochschulen gelehrt. Sie erwarb also eine berufsbezogene Fachhochschulreife und studierte an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Nach dem Studium ging sie nach Berlin und leitete dort u.a. die Druckwerkstatt der Universität der Künste. Bis heute unterrichtet sie an der Muthesius Kunsthochschule Kiel druckgrafische Techniken.

Beim Drucken lernte sie Jürgen Zeidler kennen. Der 1942 in Nürnberg geborene Zeidler war zum Kunststudium nach (West-)Berlin gekommen, und die 68er-Studentenbewegung trieb bald auch die jungen Künstler auf die Barrikaden. Der betuliche Vorstand des Berufsverbandes BBK wurde im Handstreich erobert, und eine der in der Folge erhobene Forderungen an den Berliner Senat war die der Einrichtung einer städtischen Grafikdruckerei, um Künstlern zu ermöglichen, ihren Lebensunterhalt durch Grafik zu bestreiten. Dazu muss man wissen, dass der Druck von Lithografien im eigenen Atelier praktisch unmöglich ist, größere Steine aus Solnhofener Schiefer sind „tonnen“schwer und in der Anschaffung zu teuer. 

Als der Senat auf die Forderung einging, wurde im BBK händeringend nach einem der Jungrevolutionäre gesucht, der sich in der Druckgrafik auskannte, um das Projekt nun auch umzusetzen. Da Jürgen Zeidler der Einzige war, der diese Voraussetzung erfüllte, nahm er die Verantwortung an: Ab 1973 baute er die kommunale Druckwerkstatt im Bethanien, einem ehemaligen Krankenhaus in Kreuzberg, auf und leitete diese bis 1980. Sie besteht bis heute und ist eine der größten nichtkommerziellen künstlerischen Einrichtungen im Bereich Druck weltweit. 

Anschließend beteiligte sich Zeidler am Aufbau des Berliner Technik Museums und gründete 1982 mit anderen die Tabor Presse, die vor allem durch den auch von der Büchergilde mitgetragenen Grafikkalender bekannt wurde. Ab 1992 arbeitete er als unabhängiger Drucker. 1995 heirateten er und Angela Schröder und gründeten die Saal-Presse als Familienunternehmen. Zeidler ist Autor des maßgeblichen Lehrbuchs „Lithographie und Steindruck in Gewerbe und Kunst, Technik und Geschichte“ (1994) sowie etlicher Forschungsberichte zur Entstehung der Lithografie. Daran arbeitet er inzwischen hauptberuflich. Als weitere Druckerin unterstützt die spanische Künstlerin Chavo del Cura die Saal-Presse.

Dass Zeidler an der Hochschule der Künste in Berlin zusammen mit Künstlern wie Johannnes Grützke, Klaus Fußmann und Otmar Alt studierte, führte dazu, dass er ein ganzes Leben lang Grafiken dieser Künstler gedruckt hat. Und so sind wir in der glücklichen Lage, eine Auswahl von Farblithografien präsentieren zu können, die die Saal-Presse für Otmar Alt gedruckt hat – einen Künstler, den wir hier mit seinen Druckgrafiken zum ersten Mal vorstellen.