Ein Atelierbesuch bei Gerda Lepke in Gera

Soll es mir leidtun, dass es schon wieder um Kunst geht, die ihre Ursprünge in der DDR hat? Es ist nun einfach so, dass die Kunst der Druckgrafik im östlichen Teil Deutschlands eine viel größere Bedeutung hatte als in Westdeutschland, wo es nach einer Blütezeit mit Künstlern wie Klaus Böttger, Horst Janssen und Erhard Wunderlich in den 1970er und 1980er-Jahren dann wieder schwierig wurde, in Galerien und Feuilletons vorzukommen. In der DDR hatte Grafik auch bessere Marktchancen. Andere Luxusartikel waren rar, Druckgrafik aber erschwinglich.

Hüben wie drüben aber hatten es Frauen in der Kunst schwer. Als ich mir vor einigen Jahren eine Ausstellung der Erwerbungen von DDR-Kunst in der Neuen Nationalgalerie in Berlin sah, gab es da Bilder von genau 3 Künstlerinnen: Hertha Günther, Angela Hampel und – Gerda Lepke.

1939 in Jena geboren und ab 1941 in Gera aufgewachsen, absolvierte die Künstlerin 1957–1960 eine Ausbildung zur Krankenschwester in Güstrow und arbeitete dann drei Jahre in diesem Beruf. Von 1966–1971 studierte sie an der Hochschule für Bildende Künste, Dresden, Malerei. Seit 1971 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin. 1998 baute sie sich auf dem Grundstück ihres Elternhauses ein eigenes Atelierhaus mit großer Fensterfront und Blick in den baumbestandenen Garten. Der Apfelbaum wird ihr wieder und wieder zum Motiv, denn das ist ihr künstlerisches Credo: Obwohl sie ausgedehnte Studienreisen in die entlegensten Gegenden der Welt unternommen hat, ist für sie das täglich neue, unvoreingenommene Sehen der gewohnten Umgebung das größte Abenteuer, die Erfüllung ihrer nie endenden Neugier. Die gleiche Landschaft immer wieder in neuem Licht zu sehen, wahr zu nehmen, das betrachtet sie als größtes Geschenk des Lebens, und, sagt sie, es kostet nicht mal was.

Und so sitze ich in diesem Atelierhaus einer quicklebendigen 87-jährgen Künstlerin gegenüber, die mit sich und der Welt im Reinen ist, neugierig und künstlerisch unternehmungslustig. Sie hat sich immer ihre Unabhängigkeit bewahrt. Als sie merkte, dass sie in ihrer 10-jährigen, sehr produktiven Lebens- und Arbeitsgemeinschaft mit Max Uhlig immer in dessen Schatten wahrge-nommen wurde, löste sie die Verbindung. Mit Christa Wolf war sie eng befreundet, mit Günther Uecker stellte sie aus, Georg Baselitz haute sie sein A...loch-Zitat persönlich um die Ohren. Der zollte immerhin ihrer Kunst Respekt. Den Schriftsteller Ingo Schulze hütete sie schon als Kind und förderte ihn als jungen Autor, u.a. indem sie ihn mitnahm zu ihrer Plein-Air-Malerei und ihm die Aufgabe stellte, den Wolkenhimmel in Worten so zu beschreiben, dass sie ihn nach 2 Tagen noch genau so vor sich sähe.

1989 war sie mit Angela Hampel, Gudrun Trendafilov und vielen anderen Mitbegründerin der Künstlerinnengruppe Dresdner Sezession, einem feministischen Aufbruch nach dem Mauerfall, und 1997 Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Gerda Lepke lebt und arbeitet in Wurgwitz bei Dresden und in Gera. Der Künstler und Filmemacher Wolfgang Scholz hat 2009 einen erfolgreichen Dokumentarfilm mit und über Gerda Lepke gedreht, die DVD von "Das Bild in mir" ist auf der Website des Regisseurs für 20 Euro zu erwerben.

Und hier als Belohnung für ausdauerndes Lesen ein schöner Ausschnitt aus dem Film von einer anderen Website 

Wolfgang Grätz