Urte von Maltzahn-Lietz – Ein Atelierbesuch in Leipzig

So sehr oft trifft man nicht auf Künstler/innen, die u.a. auch Mongolistik studiert haben. Nachträglich habe ich mich gewundert, dass ich Urte von Maltzahn gar nicht danach gefragt habe, was sie denn dazu bewogen hat, aber ihr Lebenslauf weist so viele Wendungen auf, dass einen eigentlich gar nichts wundern kann.

Geboren wurde sie 1972 in Güstrow in Mecklenburg, der Ernst-Barlach-Stadt, als Tochter eines in der DDR-Bürgerrechtsbewegung höchst engagierten Pfarrers, der später auch einer der Mitbegründer des Neuen Forums war. Für seine Tochter freilich erwuchs daraus eine bittere Beschränkung ihrer Entfaltungsmöglichkeiten: Sie sagt, ihr sei schon im ersten Schuljahr klar geworden, dass sie als Tochter des Klassenfeindes keinen Anspruch darauf haben würde, ihren Ausbildungsweg, einschließlich des Schulabschlusses, selbst zu wählen. Statt Abitur zu machen, musste sie nach der 10. Klasse abgehen und sollte eine Lehre als Melkerin absolvieren. Gesundheitliche Gründe verhinderten Letzteres und nach  vielem Hin und Her bekam sie durch Vermittlung eines Kirchenvor-stands die Chance, Gebrauchsgrafikerin zu lernen. So konnte sie immerhin etwas mit ihrem zeichnerischen Talent anfangen.

Noch während ihrer Ausbildung fiel die Berliner Mauer, bald danach ging sie nach Spanien und lebte ein Jahr bei einer deutsch-holländischen Familie, deren Vorfahren zu den Hitler-Attentätern des 20. Juli gehörten. „Statt Spanisch, wie ursprünglich geplant, lernte ich dort deutsche Geschichte aus anderem Blickwinkel.“ Zurück in Deutschland studierte sie Spanisch, dazu Deutsch als Fremdsprache. Und Mongolistik – das führte sie nach Leipzig. Dann lebte sie mit ihrem künftigen Mann – ebenso wie sie mit einem Pfarrersvater und einem Pfarrers-großvater gesegnet – ein halbes Jahr in Avignon, Ehe auf Probe. Die führte zum Exempel, nämlich zwei gemeinsamen Söhnen.

Für die Kunst blieb wenig Raum, sie arbeitete Teilzeit in verschiedenen Gebieten des Projektmanagements, so etwa bei der Demenzhilfe, und lange an einem Buch mit eigenen Texten und Illustrationen. Nutzte aber jede Gelegenheit, sich von anderen Künstler/inn/en in einer Vielfalt von druckgrafischen Techniken ausbilden zu lassen. Und hört damit bis heute nicht auf – zuletzt eignete sie sich die Technik des japanischen Holzschnitts (Mokuhanga) an, der nächste Workshop mit einer aus Japan anreisenden Dozentin ist bereits gebucht. Dabei unterrichtet sie diese Technik inzwischen schon selbst, z.B. in Kursen in der Papiermühle Homberg/Main.

Durch einen Stammtisch jüngerer Künstlerinnen und Künstler lernte sie Studierende und Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst kennen, und um auf der Leipziger Buchmesse einen günstigeren Gemeinschaftsstand zu bekommen, gründete sie mit sieben anderen Künstlerinnen die Gruppe augen:falter. Männer waren durchaus willkommen, schlossen sich der Gruppe aber nicht an, weil sie nicht an deren dauerhaften Be-stand glaubten. Nach 18 Jahren augen:falter kann man konstatieren: werch ein Illtum.

Ganz auf die Kunst als Fulltime-Job ohne Netz und doppelten Boden zu setzen hat sich Urte von Maltzahn erst 2019 gewagt, was, wie sich herausstellte, nicht der aller-günstigste Zeitpunkt war: Ab März 2020 gab es drei Jahre lang keine Leipziger Buchmesse, keine Ausstellungen, keine Möglichkeit, die eigene Arbeit zu zeigen und zu verkaufen. Aber sie nimmt es gelassen: „Man hat Pläne, und dann kommt einem das Leben dazwischen.“

Sie ist und bleibt beharrlich im Verfolgen ihrer künstlerischen Ziele. Dass es dabei (fast) immer um Druckgrafik geht, ist schon mal klar, auch wenn sie z.B. ein Kinderbuch mit Collagen illustriert hat. Sie arbeite langsam, sagt sie, sie wolle viel probieren, um zu spüren, welche Ausdrucks-form, welche grafischen Techniken für sie die richtigen sind. So, finde ich, muss Kunst entstehen: aus Neugierde und Experimentierfreudigkeit.