Eine künstlerische Urgewalt wird 75
Klaus Süß
Dass der 1951 in Crottendorf/Erzgebirge geborene Künstler auch ein erfolgreicher Zeichner und Maler ist, erstaunt ihn manchmal selbst, so sehr verbinden alle seinen Namen mit dem eindrucksvollen Holzschnitt-Werk, das mit expressivem Furor nach 1989 wie ein Blitz auch in die westdeutsche Kunstlandschaft einschlug. Süß gehörte damit zu den wenigen DDR-Künstlern, die sofort nach dem Fall der Mauer auch im Westen reüssierten. Er hat die Druckgrafik um viele Neuerungen bereichert. In die Wiege gelegt war ihm das nicht, aber sich gegen widrige Umstände durchzusetzen, gehört zu seiner Künstler-DNA.
Nach einer DDR-obligatorischen handwerklichen Ausbildung und einem Ingenieurstudium sorgte er für frische Luft in den Uranbergwerken seiner erzgebirgischen Heimatregion. 1978 wechselte er ins Kultursekretariat des großen Karl-Marx-Städter Maschinenbaukombinats „Fritz Heckert Werke“, wo er betriebliche Zirkel für Malerei, Grafik und Plastik zu organisieren hatte, die er auch selbst besuchte. So konnte er sich seine Lehrer – Künstler, die die (interessierten unter den ca. 30.000) Werksangehörigen nach Feierabend unterrichteten – selbst aussuchen.
Dass Chemnitz noch vor lumpigen 36 Jahren Karl-Marx-Stadt hieß, mutet heute schon reichlich exotisch an. Erst im vergangenen Jahr wurde die einst durch Textilindustrie sehr reiche und schöne, im 2. Weltkrieg aber stark zerstörte Stadt als Europäische Kulturhauptstadt wieder gewürdigt. Zu DDR-Zeiten sorgte dort die Abwesenheit einer örtlichen Kunstakademie mit entsprechender professoraler Nomenklatura für eine ungewöhnlich unabhängige Kunstszene, mit der Künstler-gruppe „Clara Mosch“ im Mittelpunkt. Auf Wikipedia ist im entsprechenden Eintrag ein schönes Foto der Szene aus dem Jahr 1981 zu sehen: Statt wie die Beatles auf dem Abbey-Road-Cover sitzen 7 rauschebärtige Künstler auf einem Zebrastreifen, darunter ein junger Klaus Süß, den man wegen ausgesprochen üppiger Haar- und Barttracht kaum wiedererkennt... https://de.wikipedia.org/wiki/Clara_Mosch#/media/Datei:CLARA_MOSCH_1981b_RK01.jpg
Die Bedeutung einer lebendigen Kunstszene für die Entwicklung der Ausdrucks-kraft der einzelnen Künstler/innen kann man gar nicht hoch genug einschätzen: künstlerischer Austausch und Wettbewerb, Aufbruchswille, gegenseitige Bestäti-gung und Kritik, handwerkliche Ratschläge und „Abgucken“, sich abgrenzen und zugehörig fühlen, das alles befruchtet künstlerischen Mut, Ehrgeiz und Experi-mentierfreude. Karl-Marx-Stadt bot Klaus Süß ein solches Milieu, zu dem übri-gens auch eine kunstaffine Stadtgesellschaft kommt: Bis heute kann man in Chemnitz im Getränke-Markt um die Ecke wie im Edel-Restaurant auf gerahmte Originalgrafik von Chemnitzer Künstlern treffen, und private Gärten zieren Skulpturen von Klaus Süß und anderen.
Die Arbeitsumstände in der DDR waren Auslöser für Süß’ erste druckgrafische Innovation: Es gab nur eine einzige Holz- bzw. Linoldruckfarbe, und die glänzte. Süß wollte einen matten Farbauftrag und bestäubte dafür nach dem Druck jeder einzelnen Farbe den noch feuchten Holzschnitt mit Mehl, das das für den Glanz verantwortliche Öl aus der Farbe sog. Das Mehl wurde vom Künstler vor dem Druck der nächsten Farbe abgesaugt. Durch diesen Prozess wurden die einzelnen Farboberflächen aufgerissen, darunterliegende Farbflächen schimmern durch. Die Grafik erhält eine organische Anmutung und fühlt sich reliefartig an, sie ist auch ein haptisches Erlebnis.
Das Ganze funktioniert nur bei gleichzeitiger Anwendung der von Picasso entwickelten Drucktechnik der verlorenen Form, dazu unten mehr. Süß hatte am Ende der DDR größere Vorräte der Druckfarbe angelegt, da sie für seinen damaligen Stil unersetzbar war, deshalb gab es Holzschnitte in dieser Technik länger als die DDR...
Heute arbeiten viele bedeutende Künstlerinnen und Künstler wie Franziska Neubert, Petra Schuppenhauer, Frank Eißner, Philipp Hennevogl und Peter Zaumseil in der Holzschnitt-Technik der „verlorenen Form“ (auch: „verlorene Platte“, „Reduktionsschnitt“), die Pablo Picasso ab 1958 für den Linolschnitt entwickelt hat, aber lange Zeit war Klaus Süß der Einzige, der diese Technik meisterhaft adaptierte: Dabei werden alle verwendeten Farben eines Farbholzschnitts nacheinander von derselben Platte gedruckt.
Es ist hohes Abstraktionsvermögen vonnöten, um ein Motiv in dieser Technik umzusetzen: Der Künstler schneidet den ersten Zustand aus einer z.B. im ersten Druckdurchgang gelb zu druckenden Platte, und darf nur das herausschneiden, was im fertigen Bild weiß bleiben soll, bei einem Porträt z.B. das „Weiße im Auge“. Der Abzug dieses ersten Zustands wäre dann eine gelbe Fläche mit 2 weißen Ovalen. Es wird nun die Anzahl der späteren Auflage gedruckt, anschließend aus der gleichen Platte mehr weggeschnitten. Für den Druck der zweiten Farbe muss alles weg, was gelb bleiben soll, vielleicht die Krawatte. Das ist im Trockenkurs natürlich nur schwer vorstellbar.
Ich habe deswegen Klaus Süß schon vor längerer Zeit gebeten, den Prozess am Beispiel eines Farbholzschnitts durch den Druck aller Zwischenschritte nachvoll-ziehbar zu machen, und das können Sie hier auf unserer Internetseite sehen – https://www.grafikbrief.de/artikel.php?art=13474 Meines Wissens hat es eine solche Druckprogression in einer Auflage (hier 6 Expl.) bislang noch nie gegeben.
Eine weitere Eigenart von Klaus Süß’ künstlerischer Arbeit war, in thematischen Zyklen zu arbeiten, die er zu grafischen Mappen zusammenfasste. Die Tradition der Grafikmappe entstand Anfang des 20. Jahrhunderts im Expressionismus, damals u.a. von Künstlergruppen wie der „Brücke“ als Möglichkeit genutzt, eine „Visitenkarte“ all ihrer Mitglieder auf einmal abzugeben. In der DDR gab es eine ausgeprägte Kultur grafischer Mappen, die vor allem vom Reclam-Verlag Leipzig herausgegeben wurden und häufig Arbeiten mehrerer Künstler/innen zu einem Thema zusammenbanden.
Thematisch orientiert sind auch die Mappen von Klaus Süß, der sagt: „Ich will ja mit meiner Kunst etwas erzählen, und dafür ist ein Blatt oft zu wenig. Eine Mappe gibt mir die Möglichkeit, ein Thema viel umfangreicher darzustellen.“ Süß hat die unglaubliche Anzahl von 90 Mappen mit 4–25 (Farb-)Holzschnitten geschaffen, die in zwei wuchtigen Werkverzeichnissen dokumentiert sind. Hier eine Übersicht über lieferbare Mappen: https://www.grafikbrief.de/kuenstler.php?num=433
Um nicht zu weitschweifig zu werden, seien weitere Innovationen des Künstlers nur kursorisch erwähnt: Holzschnitte, auf hauchdünnem Chinabütten gedruckt, von der Rückseite durchschlagend koloriert. Orig.-Holzschnitt-Bücher, deren Buchdeckel aus einem der Druckstöcke bestehen, und vor allem die Kultur, die Druckstöcke seiner Holzschnitte zu bemalen und damit zu eigenständigen Kunstwerken zu erheben. Es gibt sogar ein großes Buchobjekt, das aus 18 Druckstöcken und 17 Holzschnitten besteht, auch das ist wohl einmalig.
Bücher sind ohnehin ein weiterer Werkschwerpunkt des Künstlers, der neben Illustrationen wie Prosper Merimees „Carmen“ für die Büchergilde zahlreiche orig.-grafische Bücher für die burgart presse, die Quetsche, den Verlag Faber & Faber und den Leipziger Bibliophilen-Abend geschaffen hat, aber auch viele selbst verlegte Orig.-Holzschnittbücher und schließlich Unikatbücher, die – oft klassisch-griechische – Geschichten in lavierten Feder-zeichnungen erzählen. Wohl dem, der eine solche Pretiose sein Eigen nennt. Insgesamt 97 Bücher, Pressen-drucke und Illustrationen umfasst Süß‘ Werk.
Daneben gibt es – eben – großformatige Malerei, Kettensägen-Plastiken aus Holz, Bronze-Skulpturen, keramische Arbeiten, Zeichnungen, Großskulpturen im öffentlichen Raum, Wandmalereien, Theaterplakate und mehr. Experimentieren, vieles ausprobieren, Neues erfinden, die eigene Bildsprache weitentwickeln, das prägt Süß’ Künstlerlaufbahn von Beginn an. Kaum mehr präsent ist die Tatsache, dass Süß schon in der DDR zu den unabhängigen Avantgarde-Künstlern zählte, die der heute legendäre Galerist Judy Lybke in seiner notgedrungen geduldeten Leipziger Galerie Eigen+Art vor 1989 präsentierte. (Lybke trat bei Vernissagen z.T. im Bademantel auf, um für die anwesende Stasi einen privaten Charakter der Veranstaltung zu simulieren.)
In der westdeutschen Kunst der 1980er Jahre dominierten die „Jungen Wilden“, deren Kunst, bevor der Aachener Museumsdirekter Wolfgang Becker diesen Begriff prägte, als neo-expressionistisch bezeichnet wurde. In der DDR gab es mit Klaus Süß, Angela Hampel, Helge Leiberg und anderen eine parallele Entwicklung, aber niemand hat so nah angeschlossen an die Kunst der expressionistischen Vorväter, vor allem der „Brücke“, und deren Stil nachgerade modernisiert wie Klaus Süß, der damit sein eigenes Kapitel Kunstgeschichte geschrieben hat.
Wolfgang Grätz
